Es macht viel Spass, alle geben Gas

Der neue HCD-Trainer Christian Wohlwend hat einen kompletten Coaching-Staff installiert. Wie dieses Team funktioniert, was er von seinen Spielern hält und was er mit der Mannschaft anpeilt, verrät der 42-Jährige Engadiner vor dem Meisterschaftsstart, den Davos am Freitag in Zürich gegen die ZSC Lions bestreiten wird, im ausführlichen Interview.

Christian Wohlwend, als Sie im April Ihren Vertrag als Headcoach des HCD unterzeichneten, sagten Sie, dass ein Traum Wirklichkeit werde. Wie sieht jetzt nach den ersten Monaten Ihres Wirkens in Davos die Realität aus?

Christian Wohlwend: Immer noch gleich. Ich geniesse jeden Moment. Es macht so viel Spass mit den Jungs. Sie geben Gas. Und der ganze Trainerstaff ist super motiviert und glücklich, dass er hier arbeiten kann. Die Intensität auf dem Eis ist sensationell. Sie war ja beim HCD nie ein Problem, sondern immer top. Das hat Arno Del Curto den Spielern eingeimpft. Jetzt implementieren wir unsere Taktik. Beim Meisterschaftsstart wird sicher noch nicht alles perfekt und reibungslos funktionieren. Das ist normal. Wir freuen uns, dass es jetzt losgeht.

Beschreiben Sie doch bitte Ihre HCD-Taktik!

In der defensiven Zone muss jeder Spieler seine Aufgabe genau kennen. Da gibt es im Gegensatz zur Offensive keine Individualität. Die Defensive hat nichts zu tun mit Kreativität. Da ist Disziplin oberstes Gebot. Jeder muss seine Rolle kennen und dem anderen vertrauen. Wenn etwas falsch läuft, gilt es, einander zu helfen und die Fehler auszuzbügeln, damit wir möglichst wenig Gegentore erhalten. Bei der Angriffsauslösung wollen wir dem Puck-Führenden möglichst viel Support geben, so dass er nicht nur zwei, sondern vier Optionen hat. Die neutrale Zone versuchen wir so schnell wie möglich zu überbrücken, ohne all zu viele Risiken einzugehen. Und in der Offensivzone sollen möglichst viele Anspielstationen vorhanden sein.

Das HCD-Kader für die neue Saison stand bereits weitgehend, als sie unterschrieben. Wie stufen Sie die Substanz ein?

Sehr viele Spieler kenne ich bereits aus meiner Zeit in der Junioren- und der A-Nationalmannschaft. Ich bin mega happy mit der Mannschaft. Die beiden Torhüter Sandro Aeschlimann und Joren van Pottelberghe hinterliessen in der Vorbereitung einen ausgezeichneten Eindruck. Unser Ziel sind die Playoffs. Ich bin überzeugt, dass wir dieses Vorhaben mit dieser Truppe schaffen.

Der HCD muss wegen des Umbaus des Eisstadions seine ersten acht Meisterschaftsspiele auswärts bestreiten. Was hat das für Auswirkungen?

Das ist nun mal so, es ist mir aber egal.

Die Resultate der Testspiele waren weitgehend gut, obwohl die angeschlagenen Ausländer häufig pausierten.

Wir wollen unbedingt fördern, dass jeder Spieler – vor allem die Stürmer  – in die Verantwortung hineinwächst und den Unterschied ausmachen will. Aus dieser Optik war es gar nicht so schlecht, dass unsere Schweizer Stürmer in der Vorbereitung mehr Verantwortung übernehmen mussten. Wir möchten auch herbeiführen, dass jede Linie die Differenz zum Gegner bewirken kann.

Vor einem Jahr stellte sich heraus, dass die Mannschaft physisch zu wenig fit war. In welcher Verfassung fanden Sie das Team zu Beginn des Eistrainings vor?

Die Fitness war auch ein selbstkritischer Punkt der Spieler bei den Einzelgesprächen mit Sportchef Raeto Raffainer und mir. Jeder wusste, dass er eine Schippe drauflegen musste. Mit Steven Lingenhag und Pierre Gutknecht haben wir jetzt zwei Off-Ice-Trainer, welche die Spieler im Sommertraining sehr gut vorbereiteten. Die physischen Voraussetzungen stimmen.

Sie arbeiten in einem kompletten Trainerstaff. Wie funktioniert das?

Ich durfte eine solche Zusammenarbeit in der Schweizer Nationalmannschaft mit Headcoach Patrick Fischer erleben, glaube fest daran und will es nun auch beim HCD machen. Das Zauberwort heisst Vertrauen. Ich vertraue den Spielern und will das auch fördern, damit sie ihre Aufgaben zu 100 Prozent richtig erfüllen. Genau gleich halte ich es im Coaching-Staff. Generell besprechen wir alles miteinander. Aber wir haben Spezialisten auf ihren Gebieten. Das beginnt mit Steven Lingenhag und Pierre Gutknecht im Off-Ice-Bereich. Weiter geht es mit Torhütertrainer Peter Mettler. Waltteri Immonen kümmert sich um die Verteidiger. Er führt auch Einzelgespräche, fördert die Abwehrspieler individuell und ist fürs Penaltykilling zuständig. Johan Lundskog arbeitet mit den Stürmern, auch individuell und mit Videoanalysen, und das Powerplay gehört ebenfalls in seinen Aufgabenbereich. Ich mache alles, was sich mit fünf gegen fünf Spielern zu tun hat.

Warum holten sie gerade diese Assistenten nach Davos?

Peter Mettler kannte ich aus der Schweizer Junioren- und A-Nationalmannschaft. Er ist als Torhütertrainer sehr kompetent Mit Johan Lundskog arbeitete ich zuvor noch nie zusammen. Als ich ihn kennenlernte, spürte ich rasch seine fachlichen und menschlichen Kompetenzen. Ich wollte ihn früher schon für die Schweizer U20-Nationalmannschaft und auch für den HC Thurgau. Beide Male klappte es nicht. Umso mehr freue ich mich, dass er jetzt beim HCD ist. Lundskog ist ein super Coach; das hat er in den letzten drei Jahren auch als Assistenztrainer bei Frölunda bewiesen, das in dieser Zeit zwei Mal schwedischer Meister wurde und heuer die Champions League gewann. Waltteri Immonen war als Verteidiger ein Riesenspieler in Finnland. Er nimmt jetzt seine 18. Saison als Coach in Angriff. Er ist wie Mettler und Lundskog ein akribischer Arbeiter. Auch menschlich befinden sich im HCD-Staff lauter sehr gute Typen. Ich will Leute um mich haben, die positiv sind.

In der National League gibt es zurzeit nur zwei Schweizer Trainer: Luca Cereda bei Ambri und Sie. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Wir Schweizer trauen uns wenig zu. Wir sind generell eher eifersüchtig und gönnen uns nichts. Die meisten Klubs verpflichten lieber einen ausländischen Trainer, auch wenn sie ihn nicht kennen. Wie in jedem anderen Job muss man sich auf den Trainerberuf seriös vorbereiten und hocharbeiten. Man kann nicht einfach seine Spielerkarriere beenden und oben als Trainer wirken. Viele sind nicht bereit, dafür zum Beispiel zehn Jahre zu investieren und in der 1. Liga oder bei den Novizen Elite zu beginnen. Dort holt man sich die Erfahrungen, und parallel absolviert man alle Ausbildungen.

Schweizer Trainer scheinen in der National League auch unter besonderer Beobachtung zu stehen. Fühlen Sie sich speziell unter Druck?

Nein, überhaupt nicht. Die Neider sind ohnehin vorhanden. Ich lebe im Moment und geniesse diesen Moment. Ich gebe alles; den Rest nehme ich gar nicht mehr wahr.

Wenn Sie vor dem Meisterschaftsstart einen Wünsch äussern könnten, wie würde der lauten?

Dass wir alle gesund bleiben. Wenn wir gesund bleiben, kommt alles andere mit der entsprechenden Einstellung und Arbeitsweise von allein.

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