Danke Arno!

Nach mehr als 22 Jahren ist Arno Del Curto nicht mehr Trainer beim HC Davos. Der mittlerweile 62-jährige Bündner hat den Traditionsklub seit 1996 geprägt – nicht nur sportlich, sondern auch als grossartige Persönlichkeit: fordernd und fördernd, aber auch beschützend und hilfsbereit.

Sechs Schweizer Meistertitel (2002, 2005, 2007, 2009, 2011, 2015), fünf Spengler-Cup-Triumphe (2000, 2001, 2004, 2006, 2011) sowie der Vorstoss in die Halbfinals der Champions Hockey League in der Saison 2015/16 prägen das stolze Palmarès von Arno Del Curto in seiner HCD-Zeit. Arno war aber weit mehr als nur ein Erfolgstrainer. Einzigartig war die leidenschaftliche Art, mit der er seine Spieler formte. Und mit einem ausgeprägten, offensiven Tempospiel hatte er nicht nur die die HCD-Fans, sondern sämtliche Anhänger von attraktivem, spektakulärem Eishockey während vieler Jahre begeistert.

Arno war kein gewöhnlicher Trainer, der sich von Trainingsplänen aus Lehrbüchern leiten liess. Seine ihm angeborene Leidenschaft, sein zuverlässiger Instinkt, aber auch sein Streben nach Perfektion zeichneten ihn aus. Er versprühte in Taten und Worten unermüdlich jenes Feuer, das auch in seinen Augen leuchtete. Das bekommen seine Spieler im Training praktisch täglich zu spüren. Nicht nur mit lauten, ab und zu auch unwirschen Anweisungen beziehungsweise Korrekturen. Der Umgangston war manchmal rau. Und sein Eishockeystock flog schon mal übers Eis. Aber die Spieler wussten, Arno ging es immer um die Sache. Er kritisierte sie nicht wegen ihrer Persönlichkeit, sondern wollte sie Tag für Tag besser machen. Arno war ein Krampfer, er lebte totalen Einsatz vor. Sein Eishockey-Alltag hörte nicht auf, wenn er die Eishalle verlliess. Er lebte und liebte Eishockey – 24 Stunden am Tag. Und wenn Spieler seine Hilfe brauchten, war er stets für sie da, auch in privaten Angelegenheiten.

Arno ist hart, aber herzlich und auch feinfühlig. Das habe ich bei meinen Gesprächen in seiner kleinen, engen Trainerkabine ab und zu erfahren. Eine unpassende Bemerkung, und er brauste auf, sprühte wie ein Vulkan. In solchen Momenten wirkten seine Augen im engen Sichtkontakt beinahe durchbohrend. Er reagierte impulsiv und gestikulierte wild. Doch einen Moment später lachte er. Dann war er kontrolliert, bodenständig, begann zu philosophieren. Der Mann ist belesen, weit weit übers Eishockey hinaus – eine absolut spannende, authentische und stets ehrliche Persönlichkeit.

Dabei will Arno gar nichts Besonderes sein. Es existieren zum Beispiel fast keine Fotos von Arno mit Meisterschafts- oder Spengler-Cup-Trophäen. Im Erfolg lässt er seine Spieler sonnen. Nach Niederlagen stellte er sich hingegen bei Interviews vor sie. Dann analysierte und ortete er Fehler. Namen von Schuldigen nannte er jedoch keine. Mit seiner unverblümten Art ist es logisch und selbstverständlich, dass er seinen Spielern seine Meinung direkt sagte und nicht via Medien kundtat.

Eine einzigartige Trainerkarriere

Arno kommt 1996 als Trainer zum HCD. Der Erfolgsrucksack des 40-Jährigen ist noch leicht. Nationalliga-A-Erfahrungen hat er einzig während zweier Jahre beim ZSC gesammelt und dort 1992 für Schlagzeilen gesorgt, als die Zürcher im Playoff-Viertelfinal das Grande Lugano ausbooteten. Internationale Luft hat der gebürtige Engadiner als Trainer der Schweizer U18- und U20-Nationalmannschaft geschnuppert, zuletzt über den Jahreswechsel 1995/96 an der U20-WM in Boston. Del Curto sei ein Super-Motivator, er könne junge Spieler hervorragend fördern und fordern“, erhält der damalige HCD-Präsident Werner Kohler bei seinen Recherchen als Empfehlung.

Arno erweist sich in Davos als Glücksfall. Bereits in seiner zweiten Saison führt er den HCD in den Playoff-Final, wo dann allerdings im Frühling 1998 der EV Zug seinen bislang einzigen Meistertitel einfährt. Arnos Schützlinge werden die „jungen Wilden“ genannt – nicht nur wegen ihres Alters, sondern respektvoll wegen ihrer erfrischenden Auftritte auf dem Eis. Im Kader befinden sich Talente wie Mark Streit, Reto und Jan von Arx, Ivo Rüthemann, Sandro Rizzi, Marc Gianola oder Sandy Jeannin. Arno zwingt seine Schützlinge nicht in ein langweiliges taktisches Defensivkorsett, er gewährt seinen laufstarken Spielern offensiven Auslauf. Die Spielfreude ist genau so unverkennbar wie das Tempo.

Erste Erfolge im Form vom Siegertrophäen stellen sich bei diesem Offensivspektakel an den Spengler-Cup-Turnieren 2000 und 2001 ein. Im Frühling 2002 folgt der grosse Durchbruch auf nationaler Ebene mit dem Gewinn des Schweizer Meistertitels – dem ersten in der HCD-Geschichte seit 42 Jahren. Im Final fegt Arnos Team den Titelverteidiger ZSC Lions gleich mit 4:0 vom Eis. Seine „jungen Wilden“ haben in der Schlussphase der Meisterschaft am meisten Energie, und taktisch haben sie nun die Balance zwischen Vollgas-Eishockey und stabiler Defensivorganisation gefunden.

Zu Arnos unkonventioneller Art gehört auch sein Mut. Den beweist er in seinen vielen Jahren beim HCD regelmässig mit der Integration von Junioren in die erste Mannschaft. Sie figurieren nicht nur auf dem Matchblatt, sondern erhalten auch Eiszeit. Speziellen Mut zum Risiko offenbart der HCD-Coach im Sommer 2004. Noch bevor feststeht, dass die Spieler in der National Hockey League (NHL) streiken und niemand weiss, wie lange dieser Lockout dauern wird, engagiert Arno mit Joe Thornton und Rick Nash zwei Superstars aus der weltbesten Eishockeyliga, dazu mit Niklas Hagman einen ausserordentlichen NHL-Flügelflitzer. Dieses Trio trägt redlich dazu bei, dass der HCD in der Saison 2004/05 sowohl den Spengler Cup als auch die Schweizer Meisterschaft gewinnt. Den entscheidenden Treffer erzielt im fünften und letzten Finalspiel gegen die ZSC Lions mit Josef Marha ein anderer Ausländer. Der Tscheche hält Arno beim HCD von 2001 bis 2013 die Treue.

Mit seinen Personalentscheiden überrascht und verblüfft Arno die Eishockeywelt immer wieder. Als Nachfolger des bestandenen Lars Weibel stellt er im Sommer 2004 den 22-jährigen Jonas Hiller ins Tor. Das Talent entwickelt so gut, dass es drei Jahre später nach dem Meistertitel 2007 in die NHL-Organisation der Anaheim Ducks wechselt. Erneut setzt Arno im Tor auf die Karte Jugend. Arno holt die beiden erst 20-jährigen Talente Leonardo Genoni und Reto Berra nach Davos. Genoni wird bekanntlich für neun Jahre zu einem der Erfolgsgaranten des HCD.

Verrücktes hat sich zuvor schon in den Playoffs im Frühjahr 2007 abgespielt. Der HCD liegt gegen die ZSC Lions in der Viertelfinalserie gegen die ZSC Lions mit 1:3 zurück und befindet sich eine Niederlage vor dem Saisonende. In dieser delikaten Situation bringt Arno mit Dino und Marc Wieser sowie Flurin und Gian-Andrea Randegger vier blutjunge Flügelfräser aus den Junioren. Der HCD kippt die Serie und besiegt anschliessend auf dem Weg zum 27. Meistertitel in der Klubgeschichte auch noch Kloten und im Final Bern.

2009 und 2011 gewinnt der HCD den Playoff-Final jeweils gegen Kloten. Ganz speziell sind die Playoffs 2009. Sowohl im Viertelfinal gegen Lugano als auch im Halbfinal gegen Fribourg-Gottéron sowie im Final gegen die „Flieger“ setzt sich Davos jeweils erst im siebten Match durch. Absolute Schwerstarbeit also für Trainer und Spieler. Vor dem finalen siebten Spiel in Kloten besucht Arno am Ostersonntag nach dem Training jeden seiner Schützlinge noch zu Hause. Der Aufwand lohnt sich. Davos gewinnt am folgenden Nachmittag auswärts mit 2:1.

2014 schlägt Arno ein höchst lukratives Angebot von SKA St. Petersburg aus. Sein blaugelbes Herz entscheidet sich weiter für den HCD und gegen den russischen Spitzenklub. Arno wird in der folgenden Saison mit einem weiteren, seinem unerwartesten Schweizer Meistertitel belohnt. Den Meistertreffer gegen die ZSC Lions erzielt Reto von Arx in seinem letzten Karrierespiel am Ende seiner 17. HCD-Saison. Arnos Team glänzt mit Ausgeglichenheit. Als Kandidaten für den MVP-Titel der Liga werden Leonardo Genoni, Andres Ambühl, Félicien Du Bois und Perttu Lindgren diskutiert. Die nationale Wahl fällt auf Ambühl.

Ein Jahr später wird Lindgren MVP, obwohl der HCD bereits im Playoff-Halbfinal am späteren Meister Bern scheitert. Highlights setzt Davos auf internationaler Ebene. In der Champions League stürmt Arnos Truppe – nun mit den blutjungen Torhütern Gilles Senn und Joren van Pottelberghe – bis in den Halbfinal. Endstation bedeutet erst der nachmalige Sieger Frölunda in Göteborg. Arno bezeichnet die Saison 2015/16 rückblickend „als meine schönste mit den geilen Partien in der Champions League.“

Der letzte Eindruck bleibt haften, lautet ein Sprichwort. Nicht so bei Arno 

In Arnos 23. aufeinanderfolgenden Saison als HCD-Trainer ist der Turbo ins Stocken geraten. Erstmals seit dem Wiederaufstieg 1993 droht dem Traditionsklub, die Playoffs zu verpassen. Er befindet sich in seiner schwersten sportlichen Krise seit den Achtzigerjahren. Die Klubführung hofft, mit einem neuen Trainer aus dem Tief zu finden. „Der letzte Eindruck bleibt haften“, lautet ein Sprichwort. Nicht so bei Arno. Die vielen magischen Spiele und Nächte, Wochen, Monate und Jahre, die er uns mit dem HCD beschert hat, bleiben unvergesslich.

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