Der Abschied fällt nicht leicht

Nur Dino Wieser spielt länger als Gregory Sciaroni „am Stück“ beim HCD. Nach neun Jahren wechselt der gebürtige Tessiner nun zum SC Bern. Power-Stürmer Sciaroni prägte das Davoser Spiel als Kämpfer und Antreiber. Kein anderer Davoser Spieler hatte in den letzten Jahren aber auch so viel Verletzungspech. Einmal stellte sich der 29-Jährige als Eishockeyprofi gar die Sinnfrage.

Wegen einer Sperre hat Gregory Sciaroni das letzte Saisonspiel des HCD als Zuschauer beobachten müssen. Drei weitere Spielsperren muss der 29-Jährige zu Beginn der nächsten Meisterschaft beim SC Bern absitzen. Das Verbandsverdikt rührt von einem Crosscheck Sciaronis gegen Biels Verteidiger Mauro Duffner im fünften Playoff-Viertelfinalspiel. „Das war ein Foul und dumm von mir; da habe ich einen Fehler gemacht“, sagt der Stürmer. Er stört sich allerdings am Strafmass. „Es gibt 1000 Beispiele ähnlicher Fouls, die man folgerichtig gleich hoch hätte sanktionieren müssen“, so der gebürtige Tessiner.

Beispiellose Verletzungsserie

Sciaroni gehörte bei Davos zusammen mit Andres Ambühl sowie den Brüdern Dino und Marc Wieser stets zu den Antreibern, Agressivleadern und vorbildlichen Kämpfern – sofern er denn gesund und in Form war. Er teilte in den Zweikämpfen hart und kompromisslos aus, musste aber auch viel einstecken, sehr viel sogar. Von 2013 bis vor einem Jahr bestritt Sciaroni während vier Saisons jeweils nur rund die Hälfte aller Spiele. Sein Pech begann im Oktober 2013 mit dem Riss des Syndesmosebandes im Fussgelenk. Nach einer konservativen Behandlung der Verletzung folgte beim Comeback gleich im ersten Match ein Muskelriss im selben Bein. Für die Playoffs meldete sich Sciaroni auf dem Eis zurück. Im Mai erforderte die Syndesmoseband-Verletzung dann doch noch eine Operation. Sie zwang ihn in der folgenden Saison bis im November zum Zuschauen. Bis zu den (Meister-)Playoffs im Frühling 2015 fand der Flügelstürmer rechtzeitig zu seiner Topform. Der nächste Rückschlag folgte im Spengler-Cup-Halbfinal 2015. Beim Aufprall an der Bande erlitt Sciaroni eine so schwere Handverletzung, dass die Ärzte von einem medizinischen Wunder sprachen, wenn er je wieder normal spielen könnte. Auf den Tag genau ein Jahr später traf es den Pechvogel erneut, diesmal mit einer schweren Hirnerschütterung.

Kurz die Sinnfrage gestellt

„Solche Momente tun weh, nicht nur körperlich, auch psychisch“, sagt Sciaroni. „Man muss wieder aufstehen, in einer langen Regenerationsphase laufen und trainieren und dann wieder Gas geben.“ Nur einmal, nach der Hirnerschütterung, stellte er sich zwei, drei Tage die Sinnfrage bezüglich seines Berufes, der zugleich seine Leidenschaft ist. „Da hatte ich Angst, nicht mehr mit meinen beiden Töchtern spielen und kein normales Leben mehr führen zu können.“ Sciaroni holte sich Rat bei Spezialisten in Zürich, die im einen positiven Befund erteilten. Und er sprach ausführlich und offen mit HCD-Coach Arno Del Curto. „Ich bin wieder aufgestanden und versuche nach wie vor Gas zu geben“, meint der Eishockeyprofi rückblickend. Die vielen Verletzungen verleugne er nicht. Sie seien „Teil dieses Berufes. Positiv sei, dass er immer wieder zurückgekommen und wieder voll dabei sei. „Das ist im Sport und im Leben das Wichtigste“, so Sciaroni.

Die körperbetonte Spielweise bleibt aller Verletzungen und monatelangen Pausen zum Trotz sein Markenzeichen. „Ich kann nicht aufs Eis gehen und zuschauen“, sagt Sciaroni. „Ich kann nicht den Crosby machen, weil ich nicht seine technisch feinen Hände habe. Technisch bin ich zwar auch nicht der Schlechtestes, aber das physische Element ist Teil meines Spiels, und so kann ich meiner Mannschaft helfen.

Mit dem HCD einen Traum erfüllt

Als 20-Jähriger hatte der Tessiner 2009 vom HC Ambri-Piotta nach Davos gewechselt. „Ich fühlte, dass ich etwas Neues brauchte. Ich wollte weg von Zuhause und von meinem Stammklub“ erzählt Sciaroni. „Als mich Arno anrief, war das für mich wie ein Traum, ein Wunder. Ich war so jung, und der HCD wollte mich. Das war unglaublich. Ich habe sofort unterschrieben.“ Diesen Entscheid hat der Flügelstürmer nie bereut. Mit Davos gewann er 2011 und 2015 den Schweizer Meistertitel. Im dritten Playoff-Viertelfinalspiel erzielte Sciaroni vor drei Jahren in Zug das entscheidende 4:3 in der Verlängerung. 2011 triumphierte er mit dem HCD auch am Spengler Cup. Und in der Saison 2015/16 stürmte er mit den Bündnern in der Champions League bis unter die besten Vier, wobei er die beiden Halbfinalspiele wegen seiner Handgelenkverletzung nicht bestreiten konnte.

In seinen neun Jahren in Davos sei so viel geschehen, und er habe so viel erlebt, dass es schwierig sei, einen besten Moment oder ein bestimmtes Spiel herauszupicken, meint Sciaroni. „Wenn ich nicht so gerne beim HCD und in Davos gewesen wäre, wäre ich nicht so lange geblieben. Ich habe die Zeit nie bereut.“ Es gebe nicht viele Spieler, die dem HCD in der jüngeren Klubgeschichte so lange die Treue gehalten hätten; für ihn sei das eine Ehre, stellt Sciaroni fest. In der Tat: Vom aktuellen Kader ist nur Dino Wieser noch länger „am Stück“ beim Bündner Traditionsklub.

Es ist Zeit, etwas zu ändern

Nach neun Jahren verlässt Sciaroni nun den HCD in Richung Bern. Der Abgang fiel im nicht leicht, wie Tränen in seinen Augen beim Abschied von seinen Teamkollegen bestätigten. „Davos ist und bleibt immer Davos – mein Davos, wie ich es erlebte“, schwärmt er. Doch weshalb dann der Klubwechsel bei diesem Liebesbekenntnis? „Es ist Zeit, für mich selber und für meine Karriere etwas zu ändern und etwas Neues zu versuchen“, sagt Sciaroni. Was er sucht, kann er nicht genau in Worte fassen. Letztendlich geht es wohl auch darum, mit einem Wechsel vielleicht sein Verletzungspech los zu werden.

Als neue Arbeitgeber kamen für ihn nur der SC Bern, Lugano oder die ZSC Lions in Frage, „denn ich möchte weiterhin in einem Top-Team spielen. Und in den letzten 20 Jahren haben schliesslich neben dem HCD nur diese drei Klubs den Meistertitel errungen.“ Dass seine Wahl auf den SCB fiel, begründet Sciaroni kurz und bündig. „Bern wollte mich, dann ging in den Verhandlungen alles relativ schnell. Offensichtlich passt ihnen mein Spielstil.“

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