Die Haut so teuer wie möglich verkaufen

Es könne sein, dass sein junges Team sehr gut spiele, aber auch, dass es dem Gegner dreinlaufe, sagt Arno Del Curto vor dem Start zur Playoff-Halbfinalserie auswärts gegen den Zug am Dienstagabend. Der HCD-Coach bezeichnet die Zuger und den SC Bern als Topfavoriten auf den Meistertitel.

Arno Del Curto, Sie sagten kürzlich in einem Interview: „Wir sind nicht mehr der alte, erfolgreiche HC Davos, wir sind der neue HC Davos.“ Gleichwohl steht der HCD jetzt wie schon im Vorjahr erneut im Playoff-Halbfinal…

Arno Del Curto: Ich liess es zunächst offen, ob auch der neue HC Davos erfolgreich werde. Es ist früh, dass wir bereits wieder erfolgreich sind.

Hatten Sie das erwartet?

Zumindest erhofft. Weil wie die Mannschaft so zusammenstellten, gut und intensiv trainierten und sahen, dass die Goalies immer besser wurden.

Im Spätherbst sah es allerdings noch nicht so gut aus…

Bei den ZSC Lions wird jetzt nach dem Out im Playoff-Viertelfinal gegen Lugano gejammert, dass Topskorer Robert Nilsson verletzt war und Patrick Thoresen sowie Severin Blindenbacher wegen Sperren zwischendurch fehlten. Uns fehlten im Herbst gleichzeitig bis zu neun Spieler. Wir traten mit einer jungen Mannschaft und jungen Torhütern an. Viele Partien verloren wir damals mit einem Tor Differenz, die wir aufgrund unserer Auftritte und Spielanteile eigentlich hätten gewinnen müssen. Wir spielten phasenweise mit einer sehr jungen Truppe fast im Einbahnverkehr aufs gegnerische Tor, kassierten dann aber nach dummen Fehlern entscheidende Gegentore. Schon damals sah man aber eigentlich, dass das Team stark ist. Als dann immer mehr erfahrene Spieler aus Verletzungspausen zurückkamen, roch die Mannschaft Lunte.

Folglich hatten Sie nie schlaflose Nächte?

Oh doch. Unsere Goalies sind jung, viele Verteidiger ebenfalls. Aber gerade die Torhüter machten extreme Fortschritte. Und ich coachte so, dass die ganze Mannschaft lernte. Für mich ist die positive Entwicklung der Spieler nur möglich, wenn du ihnen vertraust und sie in vielen Bereichen etwas wagen und riskieren müssen. Es war doch wirklich erfreulich, wie Junioren wie Nando Eggenberger, Chris Egli, Jérome Portmann oder Tino Kessler aufspielten und was sie alles lernten.

Dass die Verletztenliste wesentlich kürzer wurde, war von grosser Bedeutung. Ab dem Spengler Cup schien Ihr Team aber auch konzentrierter und zielstrebiger ans Werk zu gehen.

In der Tat. Die ganze Mannschaft wollte die Spiele nun unbedingt gewinnen. Sie reduzierte die Fehlerquote. Nach dem Spengler Cup traten wir mir nicht mehr ganz so spektakulär auf, auch weil die Kraft wegen des grossen und intensiven Pensums etwas fehlte. Aber nun brachten wir die Punkte nach Hause. Dass das Gerippe der Mannschaft immer mehr zusammenwuchs und junge Verteidiger wie Claude Paschoud oder Fabian Heldner an Sicherheit gewannen, hatte man schon vorher gesehen.

Im letzten Frühling hatte es viel Mut gebraucht, um nach dem Abgang von Leonardo Genoni auf dem Torhüterposten mit Gilles Senn und Joren van Pottelberghe auf zwei junge, zwar talentierte, aber auf Aktivstufe noch völlig unerfahrene Spieler zu setzen.

Ich wurde deswegen auch angefickt. Für mich gab es jedoch keinen anderen Entscheid. Die Alternative wäre ein ausländischer Torhüter gewesen. Aber das wollten wir nicht. Senn und van Pottelberghe sind beide talentiert und grossgewachsen. Gleichzeitig zählte ich auf Marcel Kull, unseren Goalietrainer. Ich weiss, wie akribisch er arbeitet und dass er die Torhüter weiterbringt. Er ist gleich wie ich: Auch wenn es zwischendurch mal etwas bergab geht, stehen wir hinter den Spielern und arbeiten hart weiter.

Auch bei der Ausländerwahl fällten Sie zum Teil unkonventionelle Entscheide. Mit Daniel Rahimi verpflichteten Sie einen defensiven Defensivverteidiger. Der Schwede erzielte noch kein einziges Meisterschaftstor. Einen solchen Ausländer hätte kein anderer NLA-Klub geholt.

Im Schweizer Eishockey ist es eine Schwäche, dass die gegnerischen Stürmer leicht vors Tor kommen und man sie dann fast nicht mehr wegbringt. Rahimi weiss, wie man sich in solchen Situationen als Verteidiger verhalten muss. Ich wollte, dass er das unseren jungen Verteidigern zeigt und beibringt. Wegen eines Kreuzbandrisses konnte Rahimi sein Potenzial leider lange nicht ausschöpfen. Jetzt beginnt er damit. Alle unsere jungen, grossen Verteidiger sollten genau so spielen wie Rahimi.

Von Robert Kousal sagten Sie mir vor Saisonbeginn, er könne ein ähnlicher Spielertyp werden wie Perttu Lindgren.

So ist es, Kousal ist bezüglich Typ genauso wie Lindgren. Doch die Umstellung auf unser Spiel erfordert ein Jahr Zeit. Mit Kousal bin ich noch nicht zufrieden. Aber ich sehe, was er kann. Er muss sich im Sommer noch besser vorbereiten, den inneren Schweinehund vermehrt auspacken, Schläge kassieren und noch mehr laufen. Dann wird er ein Torschütze und ein kompletter Top-Spieler. Kousal kann auf jeden Fall viel.

Tuomo Ruuttu brachte die Erfahrung von 751 NHL-Spielen nach Davos. Was bringt er dem HCD?

Ruutu ist ein klares, unbezahlbares Vorbild, auch wenn ihn die 751 NHL-Spiele etwas zermürbt haben. Er würde am liebsten stundenlang auf dem Eis umherrennen und drei Spiele pro Tag bestreiten. Ruutu geht immer voll.

Im Playoff-Viertelfinal hat sich der HCD gegen Lausanne mit 4:0 Siegen durchgesetzt. Wie beurteilen Sie diese Serie rückblickend?

Ich wusste, dass wir Vorteile bekommen werden, je länger die Serie dauert. Im ersten Match spielten wir im ersten Drittel schlecht und gerieten prompt 0:3 in Rückstand, weil wir erst am Spieltag die lange Busfahrt von Davos nach Lausanne unternahmen. Die Beine der Spieler waren beim Anpfiff noch nicht bereit waren. Das war mein Fehler. Wir konnten jenen Fehlstart noch korrigierten. Die erfolgreiche Aufholjagd zeigte uns, dass auch Lausanne nicht so einfach gegen uns spielen kann, wenn wir wirklich Gas geben. Gleichwohl haben wir ein latentes Problem: das Toreschiessen. Wir hatten sehr viele Abschlussmöglichkeiten, die wir nicht nutzten. Aber wenn man viele Torchancen kreiert, zeugt das auch davon, dass man nicht so schlecht ist.

Im zweiten und dritten Playoff-Spiel gegen Lausanne funktionierte das Davoser Powerplay überhaupt nicht, im vierten passte es dann plötzlich. Weshalb?

Seit Januar trainieren wir das Powerplay häufig. Teilweise stellte ich es etwas um, und ich setzte andere Spieler ein. Im zweiten und dritten Match gegen Lausanne waren meine Spieler siegessicher. Sie waren deshalb im Powerplay zu verspielt und glaubten, der Puck würde dann schon ins Tor fallen. Für den vierten Match waren wir vorbereitet. Ich verlangte von meinen Spielern, dem Gegner kein Leben zu gewähren. Wir wussten um Lausannes Stärken und die Bereitschaft, immer alles zu geben. Meine Spieler starteten konzentriert in die Partie. Und sie suchten den schnelleren und direkteren Weg zum gegnerischen Tor.

Jetzt steht der HCD im Halbfinal. Was ist Ihrer Mannschaft noch zuzutrauen?

Das werden wir sehen. Die Ausgangslage ist noch immer die gleiche: Unser Torhüter ist jung, auch die Mannschaft ist jung und muss noch lernen. Es kann sein, dass wir sehr gut spielen, es kann aber auch sein, dass wir dreinlaufen. Es gibt viele Möglichkeiten. Aber meine Mannschaft wird ihre Haut bestimmt so teuer wie möglich verkaufen.

Halbfinalgegner des HCD ist der EV Zug. In den sechs Begegnungen während der Regular Season gab es je drei Siege, vier Partien endeten mit nur je einem Tor Differenz. Wie beurteilen Sie den EVZ?

Die Zuger haben aus den letzten Jahren viel gelernt. Sie spielten in dieser Saison lange grossartig, gerieten dann aber im Januar in ein kleines Loch und verloren so den Anschluss an Bern und die ZSC Lions. Als sie dann weder Zweite noch Vierte werden konnten, war es für sie nicht immer einfach, die Qualifikationsspiele über die Runden zu bringen. Im Playoff meldete sich der EV Zug jedoch gegen Genf-Servette, das für sein physisches Spiel bekannt ist, auf eindrückliche Art zurück. Die Zuger demonstrierten Stärke. Zug und der SC Bern sind für mich die beiden Topfavoriten auf den Meistertitel.