Die neuen Erfahrungen des Andres Ambühl

Während die Schweiz an der Eishockey-WM in Kopenhagen um den Einzug in die Viertelfinals kämpft, plagt sich Andres Ambühl im Kraftraum in der Davoser Vaillant Arena ab. Nach 14-WM-Teilnahmen in Folge muss der HCD-Captain zurzeit erleben, was Sommertraining im Mai heisst.

Augenschein im HCD-Training: Andres Ambühl zieht sich an einer Reckstange hoch, Klimmzüge nennt man das. Er läuft mit hängenden Armen und je einer 30 Kilogramm schweren Hantel an beiden Händen durch den Kraftraum – mit Stoppuhr beobachtet von HCD-Konditionstrainer Reto Raguth. Der Davoser Captain stemmt Gewichte. Und er bringt sich auch an anderen Kraftgeräten an seine Leistungsgrenzen. Als „hartes Muskeltraining“ bezeichnet Raguth das Programm, welches die HCD-Spieler zurzeit täglich jeweils am Vormittag absolvieren.

Für Ambühl ist es praktisch Neuland – zumindest im Mai. In den letzten 14 Jahren bestritt er zu diesem Zeitpunkt mit der Schweiz jeweils die Weltmeisterschaft. Und den Rest des Monats verbrachte er in den Ferien. Diesmal ist alles anders. Eine Fussverletzung macht dem Sertiger einen Strich durch die Rechnung. Es geschah am 15. März im dritten Playoff-Viertelfinalspiel in Biel. Im Mitteldrittel trat Verteidiger Claude-Curdin Paschoud seinem Captain mit dem Schlittschuh auf den Fuss. „Ich habe sofort gemerkt, dass etwas nicht mehr stimmte“, erinnert sich Ambühl. Der Schuhbändel wurde durch Paschouds Kufe zerfetzt. Das ganze Ausmass der Verletzung offenbarte sich in der Kabine, als der Stürmer den Schlittschuh auszog. Es klaffte eine tiefe Schnittwunde, und mehrere Sehen waren zerschnitten. Ambühl wurde postwendend ins Spital nach Basel gefahren und am nächsten Morgen operiert. Anschliessend begann er sofort mit Therapie.

Kraftraum statt WM-Einsätze

Jetzt sagt Ambühl: „Mir geht es es wieder gut. Die Wunde ist gut verheilt. Die Sehnen brauchen einfach drei bis dreieinhalb Monate Zeit, bis sie 100-prozentig zusammengewachsen sind.“ Training und Therapie laufen bei ihm zurzeit parallel. Beim nachmittäglichen Ausdauertraining muss sich Ambühl weitgehend aufs Velo beschränken, weil der Fuss weniger belastet wird als beim Laufen und Sprinten. Die Schmerzen des Davosers sind zurzeit primär psychischer Natur. Er macht keinen Hehl daraus, dass er lieber auf dem WM-Eis in Kopenhagen als im Kraftraum in der Vaillant Arena wäre. Die Spiele der Schweizer mag er nicht so genau am Fernseher beobachten. Manchmal schaue er etwas rein, aber nicht allzu viel. „Irgendwie möchte ich in Dänemark dabei sein. Es beisst ab und zu ein bisschen, dass das jetzt nicht der Fall ist“, so Ambühl.

Auch ohne direkte Kontakte zu seinen Nati-Teamgefährten und Detailkenntnisse weiss der HCD-Captain natürlich, was an der Weltmeisterschaft abläuft. „An den Leistungen der Schweizer kann man nicht viel aussetzen; sie spielen nicht schlecht. Die Partien, die sie gewinnen mussten, gewannen sie. Besonders wichtig war der Sieg gegen die Slowakei. Jetzt sieht es gut aus mit der Viertelfinalqualifikation viel versprechend aus, auch wenn man die Franzosen im letzten Gruppenspiel am Dienstagnachmittag nicht unterschätzen darf“, sagt Ambühl. Und was traut er der Schweiz in der K.-o.-Phase zu? „Da ist vieles möglich. Schliesslich haben wir den Grossen auch schon ab und zu Punkte abgejagt.“

WM 2019 im Visier

Ambühl wird im September 34-jährig. Die Rücktrittsfrage aus dem Nationalteam stellte sich für ihn nach der Fussverletzung nie. Seine 14. WM-Teilnahme im Mai 2017 in Frankreich soll nicht seine letzte gewesen sein. „Ich will mich nächste Saison mit guten Leistungen beim HCD wieder für ein WM-Aufgebot aufdrängen“, betont er. Mit diesem Ziel vor Augen plagt sich Ambühl nun eben bereits im Mai in der „Folterkammer“ ab. „Sie machen es gut“, lobt Ambühl die Davoser Konditionstrainer. „ Aber eigentlich würde ich jetzt dennoch lieber an der WM Eishockey spielen als in den Kraftraum gehen.“

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