An eine WM-Absage habe ich noch nie gedacht

Andres Ambühl nimmt am Samstag in Paris mit Zuversicht seine 14. A-Weltmeisterschaft in Folge in Angriff. Der 33-jährige Davoser bestreitet gegen Slowenien sein 238. Länderspiel. Nur Mathias Seger und Ivo Rüthemann haben öfter für die Schweiz gespielt.

Andres Ambühl, die Schweiz hat am Dienstagabend in Genf die WM-Hauptrobe gegen Kanada mit 1:4 verloren…

Andres Ambühl: Unsere Leistung war nicht das Gelbe vom Ei. Vor allem im ersten Drittel zeigten wir vor den Kanadiern viel zu viel Respekt und liessen sie spielen. Klar hätten wir gerne gewonnen. Aber vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass wir in der Vorbereitung noch eins auf den Deckel gekriegt haben. Das sollte jeden wachrütteln.

Mit welchen Gefühlen reisen Sie an die WM nach Paris?

Ich bin zuversichtlich. Nur wegen des 1:4 gegen Kanada fallen wir jetzt nicht zusammen. Wichtig, ja sehr wichtig wird sein, dass wir einen guten Start haben – nicht so wie im Vorjahr, als wir im ersten Match gegen Aufsteiger Kasachstan mit 2:3 nach Penaltyschiessen verloren. Auch jetzt beginnen wir am Samstagmittag gegen den Aufsteiger, diesmal gegen Slowenien.

Wie begründen Sie Ihr gutes Gefühl?

Abgesehen von den beiden Länderspielen in der vergangenen Woche gegen Dänemark (4:5 und 2:0, die Red.) und dem Match gegen Kanada steigerten wir uns in der WM-Vorbereitung von Woche zu Woche – und das gegen wirklich gute Gegner. Ich denke da gegen die Slowakei und Russland, die wir beide je zweimal bezwangen.

Vor einem Jahr amtierte Patrick Fischer an der WM in Moskau erstmals als Coach der Schweizer Nationalmannschaft. Rückblickend sprach er von einer missglückten WM 2016, an welcher er mit seinem Team den Einzug in die Viertelfinals verpasst hatte. Was hat sich seither geändert?

Vor einem Jahr war alles für alle etwas frisch. Patrick Fischer hatte den Trainerposten zusammen mit seinen Assistenten Reto von Arx und Felix Hollenstein erst während der Saison kurzfristig übernommen. Jetzt ist alles etwas strukturierter. Das ist zweifellos positiv.

Wo orten Sie die Trümpfe der Schweizer WM-Mannschaft?

Insgesamt standen wir in der Defensive recht gut. Und von entscheidender Bedeutung ist, dass wir mit Leonardo Genoni und Jonas Hiller zwei super Torhüter haben. Vorne kommen wir immer zu unseren Torchancen. Die Basis ist, indem wir hinten gut arbeiten und gut defensiv spielen. Dann kommt der Rest bestimmt auch.

Neu zum Staff ist als Assistenztrainer Tommy Albelin gestossen. Was bringt der Schwede ein, der speziell für die Verteidiger zuständig ist?

Tommy Albelin bringt uns es viel. Er ist ein totaler Experte und weiss, wovon er spricht. In der NHL bestritt er mehr als 1000 Spiele, und nach seinem Rücktritt sammelte er während zehn Jahren Erfahrungen im Coaching-Bereich. Er hat eine ruhige Art und bringt diese Ruhe ein. Auch im Boxplay hilft er uns weiter. Albelin ist wirklich ein top Mann.

Mit Nationalcoach Patrick Fischer spielten Sie früher noch gemeinsam beim HCD, jetzt ist er im Nationalteam Ihr Chef. Wie gehen Sie damit um?

Da habe ich keine Probleme. Als ich mit in Davos spielte, war ich als Junior in die erste Mannschaft des HCD aufgestiegen. Ich hatte damals schon viel Respekt vor ihm. Daran hat sich nichts geändert.

Vergleicht man das aktuelle Schweizer WM-Kader mit jenem des letzten Jahres, fällt auf, dass Sie jetzt der einzige HCD-Spieler sind. In Moskau waren neben Ihnen noch Félicien Du Bois, Noah Schneeberger, Samuel Walser sowie Dino und Marc Wieser dabei. Wie erklären Sie diese Tatsache.

Darüber mache ich mir nicht viele Gedanken. An den Weltmeisterschaften vor Moskau figurierten nie viele HCD-Spieler im Schweizer Team. Meist war ich fast allein. Für die Nationalmannschaft spielt es keine Rolle, aus welchen Klubs die Spieler stammen. Wichtig ist, dass die Schweiz eine gute WM spielt.

In Moskau führten Sie die Schweiz an der WM als Captain an. Jetzt tragen Sie, wie früher auch schon, das A auf dem Leibchen. Sie sind also nur noch Assistenzcaptain. Neuer Spielführer der Schweiz ist Raphael Diaz.

Das hat Patrick Fischer entschieden. Für mich ist das kein Problem, wenn ich ehrlich bin. Um im Nationalteam etwas zu sagen, braucht man keinen Buchstaben auf der Brust.

Sie sind der erfahrenste Spieler im Schweizer Team, nehmen Sie am Samstag doch bereits ihre 14. Weltmeisterschaft in Angriff. Ihr WM-Debüt gaben Sie 2004 in Prag. Seither verpassten Sie keine WM, und ab 2006 gehörten Sie jeweils auch zur Schweizer Olympia-Delegation. War es für sie noch nie ein Thema, nach Beendigung der Schweizer Meisterschaft einmal eine etwas längere Erholungspause einzulegen?

Ich spiele immer gerne gegen internationale Mannschaften, sei es nun in der Champions League, am Spengler Cup oder mit dem Nationalteam. Solche Partien bringen mich weiter. Da werde ich gefordert, und ich muss mich steigern. In diesen Partien kann ich noch immer lernen. Ich habe mir deshalb noch nie überlegt, einmal auf eine WM-Teilnahme zu verzichten.

Sie sind ein Energiebündel. Gleichwohl ist der Kräfteverschleiss gross, wenn Ihre Saison jeweils erst in der zweiten Mai-Hälfte zu Ende geht. Wie schaffen sie es auch mit 33 Jahren, ihre Batterien immer wieder zu laden?

Nach der WM erhalte ich von HCD-Coach Arno Del Curto jeweils zwei Wochen Ferien. Anschliessend nehme ich das Sommertraining auf. Vor Beginn des Eistrainings macht die ganze HCD-Mannschaft jeweils nochmals zwei Wochen Ferien. Bis jetzt ist dieser Fahrplan für mich immer aufgegangen. Wichtig ist, dass ich die Ferien- und Freizeit richtig zur Regeneration nutze. Zudem achtet auch Del Curto darauf, dass mein Kräftehaushalt stimmt. So kann ich bei hoher Belastung auch mal ein Training auslassen.

Ihr WM-Highlight erlebten Sie 2013, als sie mit der Schweiz die Silbermedaille gewannen. Seither verpasste die Schweiz an den drei letzten Weltmeisterschaften zwei Mal die Viertelfinalqualifikation. Weshalb ist die Schweiz im Kampf um einen Viertelfinalplatz nach wie vor ein Wackelkandidat?

Viele Leute vergessen, dass sich Nationen wie Deutschland, Norwegen, Dänemark, Frankreich oder die Slowakei etwa auf dem gleichen Niveau bewegen wie wir. Viele norwegische und dänische Internationale spielen in Schweden, Russland oder Nordamerika. Die können alle auch Eishockey spielen. Deshalb wird es jedes Jahr hart, sich für die Viertelfinals zu qualifizieren. Da wird nichts geschenkt. Es gibt an der A-WM keinen Gegner mehr, den man einfach vom Eis fegen kann.

Blicken wir zu den Spitzenteams nach vorne: Was haben Schweden, Finnen oder Tschechen den Schweizern noch voraus?

Primär die Konstanz. Bei den Nationen, die sich in der Weltrangliste hinter den Top 6 befinden, sind die Leistungsschwankungen grösser. Die grossen Eishockeynationen können sich hingegen in der Regel noch steigern, wenn es ernst gilt.

Folglich stimmt das oft gehörte Lob nicht, dass die Nationalliga A nach der NHL und der russisch geprägten KHL die drittbeste Eishockeyliga der Welt sei?

Wenn ich in der Champions League vergleiche, stelle ich fest, dass in Schweden jeder Spieler hervorragend ausgebildet ist. In der Schweiz ist das noch nicht überall der Fall, auch wenn wir keine schlechte Liga haben. Auch in Finnland werden die Jungen hervorragend ausgebildet. Aber dort herrscht ein Ausverkauf. Sehr viele talentierte Spieler wechseln in andere Landesmeisterschaften.

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