Exklusiv: Gilles Senn im Interview

Meist steht Gilles Senn als zweiter Torhüter des HC Davos im Schatten von Leonardo Genoni. Im Interview äussert sich der 19-Jährige Walliser genau so zu dieser Situation wie zu seinem Leben in Davos, den Goalietrainings mit Marcel Kull, seiner Zukunft und dem bevorstehenden „Tessiner Wochenende“ des HCD.

Gilles Senn, Sie sind seit letzter Saison die Nummer 2 im HCD-Tor hinter Leonardo Genoni. Wie erleben Sie diese Situation?

Gilles Senn; Ich betrachte Leonardo Genoni nicht als „Feind“, der mir den Platz stiehlt. Ich freue mich, wenn er gut spielt und er auch, wenn das bei mir der Fall ist. Zwischen uns besteht eine gute Freundschaft und auf dem Eis eine gesunde Konkurrenzsituation. Leo ist ein Vorbild für mich. Jeden Tag kann ich von ihm viel lernen, auch wie er Eishockey, Familie und Studium unter einen Hut bringt und trotzdem noch immer Zeit findet.

In der Meisterschaft kommen Sie hinter Genoni nur selten zum Einsatz und wenn, dann in der Regel nur zu Teileinstätzen wie zum Beispiel kürzlich fürs letzte Drittel in Kloten, als der HCD bereits mit 1:5 zurücklag.

Ich bin immer für einen Einsatz bereit. Trotz eines klaren Rückstands besteht jeweils noch die Hoffnung, die Partie zu wenden. Sonst geht es darum, noch ein möglichst anständiges Resultat zu erreichen und keine Kanterniederlage zu erleiden. Es ist wichtig, die Mannschaft zusammen zu halten, gerade wenn wir am nächsten Tag wieder einen Match haben, damit sie kein zerstörtes Gefühl mitnehmen muss für das nächste Spiel.

Ihr persönlicher Höhepunkt in dieser Saison war wohl der Viertelfinal am Spengler Cup gegen Jokerit Helsinki, als sie beim 5:4-Sieg nach Verlängerung das Tor hüteten.

Auf jeden Fall. Es war mein erster Spengler-Cup-Einsatz überhaupt. Das Gefühl, im ausverkauften Stadion im Einsatz auf dem Eis zu sein ist natürlich ganz anders als auf der Spielerbank. Während des Spengler Cups herrscht überall Feststimmung. Zwischen dieser Freude und dem professionellen Sport den richtigen Mix zu finden – auch im mentalen Bereich –, ist nicht einfach. Das Eishockey befindet sich am Spengler Cup auf einem sehr guten Niveau; es wird sehr schnell gespielt.

Sie kamen 2011 als 15-Jähriger aus Visp zum HCD. Warum ausgerechnet nach Davos?

Ich wollte Schule und Sport unter einen Hut bringen – und beides mit einer guten Lösung. Deshalb schnupperte ich in Davos. Dabei erhielt ich einen sehr guten Eindruck von der Zusammenarbeit zwischen dem Sportgymnasium und dem HCD. Und vor allem beeindruckte mich auch Marcel Kull. Unter ihm absolvierte ich damals das erste richtige Torhütertraining in meinem Leben. Denn bei Visp und Saastal hatten wir keinen eigentlichen Goalietrainer. Mit gefiel, wie Kull schon damals ehrlich zu mir war. Zwei, drei Wochen später erhielt ich von ihm ein E-Mail, wann ich nach Davos ziehen wolle.

Jetzt sind Sie schon bald fünf Jahre in Davos. Sie sprechen inzwischen mehr Davoser als Walliser Dialekt. Haben Sie den Wechsel nie bereut?

Überhaupt nicht! Ich habe mich gut eingelebt und fühle mich wohl in Davos.

Warum sind Sie ausgerechnet Torhüter geworden?

Mit meinem Bruder beobachtete ich in Visp einmal das Training. Danach sagte ich meinem Vater, dass ich auch Eishockey spielen möchte. Nur einen Monat lang pendelte ich zwischen Feldspieler und Goalie, danach fand ich meinen Platz im Tor. Schon vorher, als ich zuhause mit meinem Bruder spielte, war ich immer Goalie. Mich faszinierte die Torhüterausrüstung. Und ich war auch nicht gerade der geborene Läufer; ich stand lieber im Tor, als auf dem Eis zu rennen.

Sie nannten Marcel Kull als einen der Hauptgründe für Ihren Wechsel aus dem Wallis zum HCD. Wie sieht es denn jeweils im Training zwischen Ihnen, Genoni und Kull aus?

In der Regel haben wir am Mittwochnachmittag ein spezielles Torhütertraining. Leo und ich spielen zunächst Tischtennis. Danach studieren wir am Video den letzten Match. Wir diskutieren, was nicht so gut war, aber auch was gut war, also nicht nur die schlechten Aktionen. Anschliessend folgt das Eistraining gemeinsam mit ein paar Feldspielern. Diese Trainings sind sehr hart, aber sie bringen mir sehr viel. Ich kann auch selber einbringen, was ich gerne machen würde, wo ich Probleme orte. Kull hilft überall, damit man sich verbessern kann.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Marcel Kull?

Marcel ist auf dem Eis sehr streng. Trotzdem sind wir sehr gute Freunde. Wir sehen uns nicht nur auf dem Eis, sondern gehen auch mal gemeinsam essen oder Kaffee trinken. Und wir pflegen auch Kontakt, wenn er nicht in Davos ist. Er macht für uns alles – nicht nur für Leo und mich, auch für die Juniorentorhüter. Er ist gegenüber allen ehrlich.

Leonardo Genoni wechselt nach dieser Saison zum SC Bern. Nächste Saison bilden Sie gemeinsam mit Joren van Pottelberghe das Torhüterduo beim HCD.

Es wird bestimmt speziell mit zwei so jungen Torhütern. Ich habe ein gutes Gefühl. Der Bessere von uns beiden wird spielen; das ist ganz einfach. Ich habe Joren in einem Trainingscamp der Schweizer U20-Nationalmannschaft in Arosa getroffen. Er ist unkompliziert; wir werden uns verstehen. Da wird sich bestimmt ein gesunder Konkurrenzkampf entwickeln.

Zurück zur Aktualität: Der HCD steht vor einem „Tessiner Wochenende“. Am Freitagabend gastieren Sie in Ambri, und am Samstagabend tritt Lugano in Davos an. Was erwarten Sie von diesen beiden Partien?

Ambri befindet sich mitten im Strichkampf. Das wird hart, denn die Leventiner werden ihre Haut teuer verkaufen. Gegen Lugano erwarte ich wie immer einen guten Match. In diesen Begegnungen sind jeweils viele Emotionen im Spiel, was mir gefällt. Wir müssen gut in der Defensive stehen und unsere Torchancen besser nutzen als in den letzten Partien.

 

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