Gilles Senn bricht sein Schweigen

Während der ganzen Saison hat Gilles Senn keine Interviews gegeben. Nach dem Meisterschaftsende spricht der 21-Jährige über seinen Rollenwechsel vom Ersatzgoalie zum Stammtorhüter beim HC Davos, und er gewährt Einblick in sein Innenleben.

Gilles Senn, für Sie und den HCD ist die Meisterschaft am letzten Samstag mit dem 3:5 im sechsten Playoff-Halbfinalspiel gegen Zug zu Ende gegangen. Wie ist Ihre Gefühlslage zurzeit ohne Eishockey?

Gilles Senn: Es ist ein komisches Gefühl. Da stelle ich den Wecker und weiss dann nicht, was ich tun soll. So arg ist es bei mir allerdings nicht. Ich werde im Mai das Sportgymnasium in Davos mit der Matura abschliessen. Deshalb folgen für mich nun ein paar strenge Schulwochen. Während der Eishockeysaison war ich nicht mehr so oft in der Schule. Und während den Playoffs schrieb ich nicht einmal mehr die Prüfungen. Da besteht jetzt Nachholbedarf.

Blicken wir auf Ihre erste Saison als Stammtorhüter in der Nationalliga A zurück. Wie erlebten Sie diese?

Ich freute mich vor Meisterschaftsbeginn sehr auf die Saison. Joren van Pottelberghe und ich wussten aufgrund unserer Arbeit im Sommer mit Torhütertrainer Marcel Kull und in den Teamtrainings sowie nach den paar Vorbereitungsspielen, dass es gut kommen würde. Joren und ich puschten uns auch gegenseitig. Wir waren überzeugt, dass wir gute Leistungen bringen würden. Klar gab es dann ein paar Spiele, die nicht so herauskamen, wie wir uns das vorgestellt hatten. Insgesamt verlief die Saison aber gut. Natürlich haben wir noch viel Luft nach oben.

Ganz speziell war für Sie bestimmt der Monat März, als Sie erstmals als Nummer-1-Goalie in den NLA-Playoffs das HCD-Tor hüteten.

Diese heisseste Meisterschaftsphase begann sehr hart, gerieten wir im ersten Viertelfinalspiel in Lausanne in den ersten 17 Spielminuten doch mit 0:3 in Rückstand. Umso schöner war es dann, wie wir jenen Match noch mit 5:3 gewannen. Diese erfolgreiche Wende verlieh uns ein gutes Gefühl für die ganze Serie. Mit jedem folgenden Sieg machte es dann mehr Spass. Zwischen „Quali“- und Playoff-Spielen ortete ich einen erheblichen Unterschied vor allem im mentalen Bereich. Denn da entscheiden kleine Fehler, ob man einen Match gewinnt oder nicht. Der Dienstag-, Donnerstag-, Samstag-Spielrhythmus in den Playoffs war eine harte Zeit – sowohl körperlich als auch mental. Nach einer verlorenen Partie versuchte ich, wie ein Computer abzuschalten und neu aufzustarten und so gar nicht lange übers letzte Spiel nachzugrübeln.

Sie feierten kürzlich erst Ihren 21. Geburtstag. Für Ihr Alter und die geringe Erfahrung strahlten Sie während der ganzen Saison eine bemerkenswerte Ruhe und Sicherheit aus.

Ich arbeite seit sieben Jahren mit Marcel Kull zusammen. Für uns ist es sehr wichtig, dass ich Ruhe ausstrahle. Wir wollen dem Gegner keine Energie durch Ausraster oder Unsicherheiten geben. Die Körpersprache sagt viel aus. Ich wusste auch, dass mir Arno Del Curto wegen eines dummen Gegentores nicht den Kopf einschlagen würde und dass die Mannschaft hinter mir steht. Gerade nach einem unglücklichen Gegentreffer ist eine starke Reaktion des Torhüters noch wichtiger.

Sind Sie von Natur aus ein ruhiger Typ?

Ja, ich bin eher der ruhige Typ, auch in der Familie. Mein Bruder ist der „Festbruder“. Es gibt schon Momente, in denen ich mehr aus mir herauskomme. Und während eines Spiels kann es schon vorkommen, dass ich mich innerlich aufrege.

Dann haben Sie selten schlaflose Nächte…

In der Tat kommt es selten vor, dass ich nach einem Match nicht schlafen kann. Die Spiele sind vor allem für meinen Kopf sehr anspruchsvoll, mehr als für meinen Körper. Ich kann gewöhnlich gut einschlafen. Vor dem Einschlafen schaue ich mir in der Regel noch die Videosequenzen vom Spiel an, die Videocoach Andi Egli und Marcel Kull für mich zusammenschneiden.

Bis zu dieser Saison standen Sie nur vier Mal in der Meisterschafts-Startformation des HCD. Nach dem Wechsel von Leonardo Genoni rückten Sie und Ihr neuer Torhüterkollege Joren van Pottelberghe plötzlich in den Mittelpunkt. Wie gingen Sie damit um?

Ich freute mich, dass ich mit Joren van Pottelberghe das Torhüterduo bilden durfte. Wir kennen uns aus gemeinsamen Zeiten in den Nachwuchs-Nationalteams. Und wir konnten auch voneinander profitieren. Joren brachte Erfahrungen aus seiner Zeit in Schweden und von den NHL-Camps mit. Und ich konnte ihm schildern, wie ich die Zeit mit Leonardo Genoni erlebte. Joren und ich fühlten uns nicht gross im Mittelpunkt, auch wenn nun mehr über uns geschrieben wurde. Beim HCD erhielten wir von allen viel Unterstützung. Dieses Vertrauen half uns natürlich.

Sie pflegen ein auffallend freundschaftliches Verhältnis zu van Pottelberghe. Im Tor spielen kann aber jeweils nur einer von Beiden. Kommt da kein Konkurrenzdenken oder gar Neid auf?

Es besteht schon ein Konkurrenzdenken: Auf dem Eis will im Training jeder besser sein als der andere. Diese Challenge ist positiv und motivierend. Die hatte ich auch mit Leonardo Genoni. Wenn wir auf verkleinerten Spielfeldern spielten, zählten wir jeweils auch die Gegentore. Und da gewann ich manchmal, auch wenn es selten der Fall war. Joren und ich laden uns manchmal gegenseitig zum Nachtessen ein, oder dann kochen wir gemeinsam mit Kollegen. Wir haben wirklich ein gutes Verhältnis.

Ihnen gelang im Laufe der Saison eine enorme Steigerung. Wie lautet Ihre Erklärung?

Wenn man mehr Spielpraxis hat, wird man sicherer. Dann läuft vieles leichter. Die ganze Mannschaft machte während der Saison Fortschritte. Dadurch wurde es auch hinten einfacher. Und so kommen die Spiele, in denen man etwas reissen kann.

Gab es bestimmte Spiele oder Faktoren, aufgrund derer Sie konkret einen Schritt vorwärts machen konnten?

Die speziellen Herausforderungen waren die Partien gegen Bern mit Leonardo Genoni im Tor und gegen Biel mit Jonas Hiller, der früher bekanntlich ebenfalls für den HCD spielte. Mit Beiden hatte Marcel Kull beim HCD ja ebenfalls intensiv gearbeitet. Gerade der Sieg gegen Bern war ein kleines, aber wichtiges Puzzle-Teil für mich.

In den letzten Jahren standen Sie beim HCD immer im Schatten von Genoni. Wie war das für Sie?

Für meine Karriere war die gemeinsame Zeit mit Genoni etwas vom Besten. Ich lernte sehr viel von ihm. In jedem Match konnte ich von der Bande aus beobachten, wie er sich verhielt und wie er mit verschiedenen Situationen umging. Ich hatte das Glück, in der Meistersaison 2014/15 als zweiter Goalie dabei zu sein. Da konnte ich in den Playoffs von Genoni sehen, was alles dazu gehört, um den Kopf freizuhalten und über eine so lange und intensive Zeit fokussiert zu bleiben. Das hat mir in den letzten Wochen geholfen, als ich selber im Tor stand.

Pflegen Sie noch Kontakt mit Leonardo Genoni?

Ja, regelmässig sogar. Selbst während den Playoffs verkehrten wir häufig per SMS miteinander. Ich gratulierte ihm zum Beispiel zum Finaleinzug. Er antwortete, er warte und freue sich nun auf mich als Finalgegner. Leider wurde bekanntlich nichts darauf. Wir reden miteinander aber auch über die Familie und diskutieren Fragen bezüglich Torhüterausrüstung.

Sie haben die wichtige Rolle von HCD-Torhütertrainer Marcel Kull bereits angetönt. Wie ist Ihr Verhältnis zu ihm?

Sehr gut. Wir kennen uns seit sieben Jahren. Er kann mich lesen und merkt sofort, wenn ich in die Kabine komme, ob ich gut drauf bin oder nicht. Wir haben nicht einfach am Mittwoch unsere Goalietrainings und an den Spielen ist er vor Ort. Wir telefonieren auch unter der Woche miteinander und gehen ab und zu Kaffee trinken. Wir pflegen nicht nur eine Spieler-/Trainer-Beziehung, sondern sind über die Jahre gute Kollegen geworden.

Wie erleben Sie Marcel Kull als Trainer?

Ich schätze seine Trainingsgestaltung. Kull ist sehr fordernd und kann auch energisch auftreten. Er weiss genau, was er wann sagen will und muss. Manchmal greift er mich verbal an. Doch das sind nie persönliche Angriffe. Kull sagt es direkt, aber nie falsch. Das ist eine grosse Kunst. Es geht ihm immer darum, dass ich besser werde.

Sie sind nicht gedraftet. Gleichwohl weckten Sie mit Ihren Leistungen in den letzten Wochen das Interesse mehrerer NHL-Scouts. Sind Sie schon direkt von diesen angesprochen worden?

Nein. Es freut mich, dass ich mit meinen Leistungen ihr Interesse wecken konnte. Aber ich mache daraus kein grosses Zeug. Ich habe nicht einmal einen Spieleragenten, an den sich die NHL-Scouts wenden könnten. Umso spezieller ist die Aufmerksamkeit, die ich erzielen konnte. Falls ich konkrete Reaktionen erhalte, werde ich diese mit Marcel Kull anschauen.

Fast jeder talentierte Junior hat heutzutage einen Spieleragenten. Sie brauchen keinen?

Mit 15 kam ich aus dem Wallis nach Davos. Seither spiele ich für den HCD. Bei den Junioren brauchte ich ohnehin keinen Agenten. Und bei meinen jüngsten Vertragsverlängerungen sass ich jeweils bei Arno Del Curto im Büro. Marcel Kull war auch dabei. Er hilft mir und weiss, was es braucht. Ich pokere nicht wegen meines Salärs. Ich vertraue ihnen und habe nicht das Gefühl, dass sie mich über den Tisch ziehen. Ihre Vorschläge erachte ich als angemessen. Ich bin überzeugt, dass mir der Klub entgegenkommt, wenn ich gut spiele.

Sie haben bereits gesagt, dass Sie noch viel Luft nach oben haben. Wo orten Sie am meisten Steigerungspotenzial.

Es gibt in allen Bereichen Details, in denen ich mich verbessern kann und wo ich mehr herausholen will – etwa bezüglich Technik, Positionsspiel oder im Zusammenspiel mit den Verteidigern. Mit mehr wichtigen Saves möchte ich meine Mannschaft jeweils noch länger im Spiel halten und ihr Sicherheit vermitteln, wenn sie Mühe mit dem Toreschiessen bekundet

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