Spielverderber mit Perspektiven

Der HC Davos hat letzte Saison mit seiner jungen Mannschaft und dem Vorstoss in die Playoff-Halbfinals viel erreicht. Inzwischen ist das Team ein Jahr routinierter und mit zwei vielversprechenden neuen Ausländern bestückt worden. Gleichwohl zählen die Bündner nicht zu den Meisterschaftsfavoriten. Sie bleiben Aussenseiter – aber mit Potenzial, sofern sie es ausschöpfen.

Vor einem Jahr stand bei Eishockey-Experten und -Fans im Zusammenhang mit dem HC Davos vor dem Meisterschaftsstart die Frage mit dem neuen, jungen Torhüterduo im Mittelpunkt. Gilles Senn, damals nur mit ein paar wenigen NLA-Spielen Erfahrung, und Joren van Pottelberghe noch ohne jeglichen NLA-Einsatz, beantworteten sie in den folgenden Monaten gleich selber. Die beiden Talente entwickelten sich rasch zu vertrauenswerten Rückhalten. Senn kam gar zu den ersten Einsätzen im Nationalteam. Seine Leistungssteigerung brachte ihm den NHL-Draft bei den New Jersey Devils und im Schweizer Eishockey den Titel als Newcomer des Jahres ein. Van Pottelberghe bestätigte sein Talent als Schweizer Stammgoalie an der U20-WM. Vor der neuen Spielzeit spricht niemand mehr von der Problemzone Torhüter. Dabei bilden sie noch immer das jüngste Goalieduo der National League. Senn ist erst 21, van Pottelberghe noch ein Jahr jünger. Für Beide folgt jetzt nicht einfach das Jahr der Bestätigung. Beide müssen sich weiter steigern, mit Big Saves mehr Spiele für ihr Team gewinnen.

Nygren statt Forster und Rahimi

Das Gesicht der Mannschaft veränderte sich aufgrund der Transfers nur geringfügig, schürt aber doch neue Erwartungen und Hoffnungen. Als einziger namhafter Abgang wechselte Verteidiger Routinier Beat Forster zum EHC Biel. In der Abwehr ersetzt der Schwede Magnus Nygren nicht nur Forster, sondern auch Daniel Rahimi. Rahimi war vor einem Jahr als Defensivspezialist und defensives Vorbild für die nach wie vor jüngste NLA-Verteidigung engagiert worden. Wegen diverser Verletzungen konnte er seine Qualitäten jedoch nur selten richtig demonstrieren. Ganz andere Erwartungen schürt Nygren. Der 27-Jährige war zuletzt Captain bei Färjestad. Er soll in Davos nicht nur als Leader zur Stabilität der Abwehr seinen Teil beitragen, sondern mit präzisen Pässen das Offensivspiel lancieren, das Powerplay von der blauen Linie aus gestalten und seinen harten, präzisen (Weit-)Schuss zur Geltung bringen.

Ein neuer Goalgetter

Im Angriff soll neu der Amerikaner Broc Little seine Goalgetterqualitäten in die Waagschale werfen. Der 29-Jährige ist mit seinen gerade mal 1,75 Metern Körperlänge optisch zwar alles andere als eine Tormaschine. Dank seiner läuferischen Qualitäten und seines Torinstinkts hat er sich in den letzten Jahren in Schweden gleichwohl als gefährlicher Torschütze entpuppt. Zum idealen Spielmacher, Zweiwegstürmer und Goalgetter hat sich beim HCD Perttu Lindgren entwickelt. Der Finne hatte sich im Frühling verletzt durch die Playoffs geschleppt. Am Freitagabend gibt er nach einer Hüftoperation ohne ein einziges Vorbereitungsspiel sein Comeback. Lindgren dürfte noch etwas Zeit benötigen, bis er wieder sein optimales Rendement erreicht. Keine Schonfrist erhält hingegen der vierte HCD-Ausländer, Stürmer Robert Kousal. Der 27-jährige tschechische Internationale konnte letzte Saison die Erwartungen mit 30 Skorerpunkten noch nicht erfüllen.

Deutliches Steigerungspotenzial

Steigerungspotenzial im Vergleich zur letzten Saison weisen aber auch Schweizer Spieler auf, etwa Mauro Jörg, Dario Simion und Samuel Walser, die letzte Saison allesamt etwas stagnierten. Ohne Verletzungen möchten Gregory Sciaroni und Marc Aeschlimann ihre Qualitäten richtig ausspielen. Marc Wieser besitzt die Qualitäten, um erneut bester Teamtorschütze zu werden. Als Leitwölfe sind Captain Andres Ambühl und Dino Wieser gesetzt. Enzo Corvi bietet sich eine gute Chance, seine interessante Entwicklung vom 2.-Liga-Stürmer zu einem der besten Schweizer Center fortzusetzen. Mehrere talentierte Nachwuchsleute wollen Druck auf die Arrivierten im Kampf um einen Stammplatz machen. Der 17-jährige Nando Eggenberger liebäugelt mit einem NHL-Draft im nächsten Frühling.

In der Verteidigung versucht Félicien Du Bois, nach verletzungsbedingten Rückschlägen an seine überragende Meistersaison 2014/15 anknüpfen. Zugunsten seiner Regeneration und des Basistrainings verzichtete er im Frühling auf eine mögliche WM-Teilnahme. Neu in den Kreis der Nationalmannschaft spielten sich im Frühling während der WM-Vorbereitung Claude-Curdin Paschoud und Fabian Heldner.

Das Boxplay als Sorgenkind

Nimmt man die Vorbereitungsspiele zum Massstab, war neben der bekannten ungenügenden Chancenauswertung das Boxplay die ganz grosse Schwäche des HCD. Deutlich mehr als die Hälfte aller Gegentore kassierten die Bündner sowohl am internationalen Turnier in Kasachstan als auch in den vier Gruppenspielen in der Champions League in Unterzahlphasen – eingehandelt durch viel zu viele unnötige Strafen. Deswegen verloren sie zuletzt gar in Wales gegen den krassen Aussenseiter Cardiff Devils mit 3:4. Für die Davoser kam die missglückte Meisterschaftshauptprobe vielleicht zum richtigen Zeitpunkt. Denn eines ist klar: Der HCD kann nur mit disziplinierten, kompakten und engagierten Mannschaftsleistungen sein Potenzial und sein intensives Offenspiel zur Geltung bringen. Selbst dieses hat seinen Ursprung in einer tadellosen Defensivarbeit eines jeden der fünf Feldspieler im Block.

Zu einer ersten aufschlussreichen Standortbestimmung kommt es gleich beim Meisterschaftsauftakt im Heimspiel gegen den EV Zug (Beginn 19.45 Uhr). An den Innerschweizern scheiterte der HCD letzte Saison im Playoff-Halbfinal. Da ist folglich noch eine Rechnung offen und Revanche angesagt.

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