Wir haben noch viel Luft nach oben

Der HC Davos hat in den ersten Wochen der laufenden Meisterschaft mit zahlreichen deutlichen Niederlagen für negative Schlagzeilen gesorgt. Arno Del Curto, der seit 1996 Trainer beim Schweizer Rekordmeister ist, analysiert den Fehlstart. Und der 62-Jährige erklärt, warum er für die Fortsetzung der Saison gleichwohl zuversichtlich ist.

Arno Del Curto, in der Vaillant Arena wird fleissig gebaut. Aber auch Ihre Mannschaft scheint zurzeit eine Baustelle zu sein…

Arno Del Curto: Wir wechselten im Vergleich zur letzten Saison 13 Spieler aus. Ich liess mich auf das Risiko ein, mit noch mehr jungen Spielern aus dem eigenen Nachwuchs und jungen Zuzügern zu arbeiten. Die neu verpflichteten Thierry Bader, Luca Hischier und Dario Meyer spielten in ihren bisherigen Klubs nicht all zu oft. Der neue Torhüter Anders Lindbäck kam erst fünf Tage vor Meisterschaftsbeginn nach Davos. Er konnte ja noch gar keinen Spielrhythmus haben. Anton Rödin gab sein Comeback beim HCD gar erst am letzten Freitag. Und Perttu Lindgren braucht drei, vier Monate, bis er nach seiner langen Verletzungspause sein gewohntes Rendement wieder erreicht. Auch andere Spieler haben noch deutliches Steigerungspotenzial.

Nach zehn Meisterschaftsrunden weist der HCD erst neun Punkte auf. Ihr Team befindet sich auf dem zweitletzten Platz!

Wir begannen die Meisterschaft in Lugano trotz der 1:3-Niederlage ordentlich und zeigten bei unseren Auswärtssiegen in Zug und Lausanne gute Leistungen. Auch in anderen Partien starteten wir ganz passabel. Wenn wir dann aber in Rückstand gerieten, wurden wir labil und fragil. In unserer Situation war das verständlich. Wenn sich dann solche Rückschläge in Form von mehreren klaren Niederlagen ausdrücken, beisst sich das in den Köpfen der Spieler fest. Ich wusste, dass es einen schwierigen Saisonstart geben könnte. Aber jetzt weiss ich auch, dass wir noch viel Luft nach oben haben. Das Spiel gegen die ZSC Lions war ein viel versprechender Anfang, auch wenn wir die Partie gegen den Schweizer Meister im Schlussdrittel dumm noch aus den Händen gaben.

Dennoch: Wie erklären Sie sich die krassen Einbrüche in zahlreichen Spielen in der laufenden Meisterschaft?

Die meisten Partien ähnelten sich. Wir begannen zwar nicht wie ein Weltmeister, hatten aber zu Beginn meist mehr Spielanteile, wollten den Puck aber mit schönen Kombinationen ins gegnerische Tor hineintragen statt entschlossen und zielstrebig zu schiessen. Den ersten Gegentreffer nahm man dann noch hin, doch mit dem zweiten folgte der totale Einbruch. Mit dem Willen, alles mit der Brechstange noch zu wenden, ging danach gar nichts mehr. Generell brachte vermutlich auch der Torhüterwechsel unmittelbar vor Meisterschaftsbeginn eine gewisse Unruhe ins Team.

Sie sprechen von „viel Luft nach oben“. Worauf basiert Ihre Zuversicht?

Spieler, die erst spät in Davos eingetroffen sind, kommen irgendwann in Form. Wenn das geschieht, wird der HCD eine andere Mannschaft. Allerdings müssen wir von grossem Verletzungspech verschont bleiben, haben wir doch sehr viele junge, noch unerfahrene Spieler im Team. Shane Prince wird sich bestimmt finden. Viele NHL-Spieler bekunden wie er anfänglich Probleme mit den grösseren Eisfeldern in Europa. Lindgren wird in den nächsten zwei Monaten von Tag zu Tag besser. Und Rödin fehlt logischerweise noch die Spielpraxis. Bis jetzt haben wir in dieser Saison praktisch noch keine Ausländer-Treffer. Wenn die Linie mit Rödin, Lindgren und Prince richtig harmoniert, dürfte sie eine der besten Sturmreihen in der National League sein. Dann kommen die Tore und auch das Selbstvertrauen. Stabilität auf hohem Niveau dürfte auch Lindbäck erhalten, denn er ist unbestritten ein starker Torhüter. Das hat er auswärts schon einige Male gezeigt.

Von den Schlüsselspielern kam bisher unter anderen aber auch Enzo Corvi nicht auf Touren…

Corvis Vertrag beim HCD läuft Ende Saison aus. Aufgrund seiner starken letzten Saison und seiner ausgezeichneten Weltmeisterschaft wird er von mehreren Klubs umworben. Er muss sich bald entscheiden. Mit dieser ungewohnten Situation bekundet er grosse Mühe. Er leidet und macht zurzeit auf dem Eis Dinge, die er sonst nie gemacht hat. Enzo ist ein sehr sensibler Mensch. Er wäre gut beraten, wenn er seine Zukunft rasch klären würde – ob er beim HCD bleibt oder geht. Dann kann er wieder befreit aufspielen. Wir brauchen einen Corvi, der „frisch von der Leber weg“ spielt, wenn wir die Playoffs erreichen wollen.

Weshalb wollen Sie ausgerechnet Energiestürmer Andres Ambühl zum Verteidiger umfunktionieren?

Für mich war schon vor dieser Saison klar, dass Ambühl hinten spielen sollte. Denn auf der linken Seite sind wir in der Abwehr dünn besetzt und anfällig. Der Spieler muss aber innerlich von einem solchen Positionswechsel auch selber überzeugt sein. Am letzten Samstag zeigte Ambühl gegen die ZSC Lions als Verteidiger eine sensationelle Leistung.

Gegen die ZSC Lions gefiel die ganze Mannschaft mit einem engagierten, kampfbetonten Auftritt und trotz der 2:3-Niederlage auch spielerisch mit vielen guten Aktionen. War das nun die Wende?

Die Köpfe der Spieler müssen weiter arbeiten. Jeder muss das Geschehene gut verarbeiten. Wenn es im Kopf stimmt, werden wir mit positiver Energie bestimmt besser. Und die Zeit arbeitet für uns. Nicht nur viele bewährte Kräfte haben noch Reserven, auch die Jungen werden an ihren Aufgaben wachsen.

Sie sind bekannt für unkonventionelle Entscheide. Waren aber gleich 13 Abgänge aus dem HCD-Kader nach der letzten Saison zu viele?

In den 22 Jahren, seit ich Trainer beim HCD bin, machten wir immer wieder verrückte Experimente, die man eigentlich nicht tun sollte. Doch bei uns gingen sie stets auf. Deshalb glaubten alle, es würde einfach so weitergehen. Doch wenn dann gleich 13 Spielerwechsel wie bei uns auf diese Saison hin vollzogen werden, muss man aufpassen. Es gibt Gesetze, die auch für den HCD gelten, wie sie sind. Jetzt ist es bei uns bezüglich Saisonstart anders herausgekommen als gewohnt. Doch das ist auch gut so. Man kann nicht so viele junge Spieler integrieren und dann auf Anhieb optimal spielen, wenn gleichzeitig noch andere nicht optimale Faktoren – ich habe sie bereits erwähnt – dazukommen. Bei uns sind die jungen Spieler nicht einfach im Kader. Wir bauen sei auf, sie erhalten viel Eiszeit.

Weshalb vollzogen Sie überhaupt einen derart deutlichen Schnitt im Kader?

Bis letzte Saison lebte der HCD sensationell. Davos hatte eine Mannschaft, die immer kämpfte, immer Gas gab und nie aufgab. Letzte Saison gab es jedoch verschiedene Partien, in denen die Mannschaft resignierte. Ich führe das auf eine gewisse Sättigung zurück, weil zahlreiche verdiente Spieler mit dem HCD viel gewonnen haben. Diese Sättigung, die zu Genügsamkeit führt, ist menschlich. Sie ist in allen Sparten des Lebens feststellbar.

Sie arbeiten in Ihrer 23. Saison als Trainer des HCD. Vorher sagten Sie, der HCD habe in den letzten 22 Jahren viel Verrücktes gemacht. Befinden Sie sich aktuell in Ihrer grössten Herausforderung als Trainer in Davos?

Es gab schon einmal eine ähnliche Situation, in der Saison 1999/2000, als mein Vater starb. Damals lagen wir nach zwölf Meisterschaftsrunden mit nur vier Punkten am Tabellenende. Bis zum Ende der Qualifikation arbeiteten wir uns danach aber noch bis auf den siebten Platz vor. Und ein Jahr später wurden wir Meister.

Haben Sie keine Angst, den richtigen Zeitpunkt zum Abgang als Trainer beim HC Davos verpasst zu haben?

Nach dem fünften Meistertitel 2011 hätte ich mir vielleicht sagen sollen, jetzt wird es langsam Zeit für einen Wechsel. Doch dann wuchs die veränderte Mannschaft wieder zusammen, und wir holten 2015 überraschend den sechsten Titel. Danach kam die Saison, die zur schönsten für mich wurde mit den geilen Partien in der Champions League, in welcher wir bis in den Halbfinal vorstiessen. Zum Glück blieb ich also beim HCD. Auch die Saison 2016/17 verlief sehr gut, als wir in der Schweizer Meisterschaft trotz eines massiv angeschlagenen Lindgren bis in den Playoff-Halbfinal kamen und eine anständige Champions League spielten. Letzte Saison geschah dann das Unerwartete; da kam im Team die geschilderte Sattheit auf. Da hätte ich mir sagen sollen, so das wars. Doch dann wäre ich davongerannt, und das entspricht nicht meiner Art. Ich habe ein viel zu grosses blaugelbes Herz.

Bereuen Sie es im nachhinein?

Wir wollen aus dem Loch, in welchem wir uns zurzeit befinden, herauskommen. Das wollen wir schaffen, und daran arbeiten wir.

Aufgrund des schlechten Starts in die laufende Meisterschaft werden Sie in den Medien erstmals in Ihrer Trainerkarriere in Davos hinterfragt oder gar kritisiert. Trifft Sie das?

Das ist doch normal, ich habe ja schliesslich bisher immer auf der Überholspur gelebt. Dann tut es gut, auch mal auf die Mütze zu bekommen.

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