Wir sind noch weit entfernt von den Besten

Arno Del Curto bleibt sich auch vor seiner 22. Meisterschaft als Trainer des HC Davos treu: Er erklärt das Erreichen der Playoffs zum primären Ziel und nennt fünf NLA-Klubs, die er stärker einstuft als sein Team. Im Interview spricht er detailliert über seine Mannschaft und sein Trainerleben, und er beschreibt seine Vorstellungen vom perfekten Eishockey.

Arno Del Curto, mit der letzten Saison und dem Vorstoss bis in die Playoff-Halbfinals schienen Sie zufrieden…

Arno Del Curto: Es gibt zwei Zufriedenheiten. Die eine ist die normale, öffentliche, die andere meine persönliche. Die sind unterschiedlich. Aus öffentlicher Optik erzielten wir überragende Resultate in Anbetracht der vielen jungen eingesetzten Spieler und vor allem unserer beiden jungen Torhüter. Im Normalfall geht so was schief. Bei uns war dies nicht der Fall. Darauf sind wir stolz.

Aber wie sieht es denn aus Ihrer persönlichen Optik aus?

Ich will mehr. Wir müssen wissen, dass wir von den Besten noch weit entfernt sind. Doch das glauben viele nicht. Die Meisten lassen sich täuschen von einzelnen überraschenden Resultaten, selbst wenn der Gegner in solchen Partien bei weitem nicht sein Optimum zeigte. Persönlich sehe ich hingegen zum Beispiel, dass vor allem unsere Verteidiger in der Schweiz nicht genügend ausgebildet sind.

Wo orten Sie in Ihrem Team am meisten Steigerungspotenzial?

Überall. Doch das ist so schwierig. Es beginnt bei der sportlichen, professionellen Einstellung. Den Job noch ernster nehmen. Über den Job nachdenken, auch zu Hause und in der Freizeit. Das verbessern, was verbessert werden muss. Ernst nehmen, was man will, damit man es dann miteinander tut. Uns geht es in der Schweiz sensationell gut. Wir müssen nicht um den Platz kämpfen. Der Konkurrenzkampf ist nicht vorhanden. Es warten zu wenige, wenn einer die Leistung nicht bringt. Wir haben in der Schweiz keine Hockeykultur, wie sie sein sollte – so wie es sie bei den Schweden, Finnen, Tschechen, Russen, Amerikanern und Kanadiern gibt. Wir sind zwar überall gut, im Laufen zum Beispiel. Gleichwohl stimmt das Ganze nicht. Das möchte ich ändern, aber das ist so schwierig.

Warum?

Bei uns in der Schweiz kommen viele Spieler in die Kabine, erledigen ihre Arbeit super und verlassen dann die Eishalle, gleichzeitig aber auch gedanklich ihren Job. Eishockey ist sehr schnell. Deshalb ist es sehr schwierig, zum Beispiel einzeltaktische Sachen oder schnell etwas richtig zu machen oder Ideen richtig umzusetzen. Es gibt 1000 Dinge – in der Defensive, in der Offensive, in der Mittelzone. Wir glauben, wir beherrschen das, doch es ist nicht der Fall. Zuhören und dann Umsetzen braucht Geduld, aber die fehlt uns oft. Wir leben in einer Wohlstandsgesellschaft, sind in die glorreichste Zeit hineingewachsen. Das macht uns nicht zu ausgeprägten und beharrlichen Kämpfern, etwa auch bezüglich Art, wie wir spielen wollen. Das beste Beispiel: Wir haben keinen Zug aufs Tor. Wir trainieren das zwar konstant und sprechen darüber. Doch im Match setzen es die Spieler nicht um. Das ist einer unserer grössten Mängel in der Mannschaft. Das hat auch damit zu tun, dass wir zu erfolgreich waren. Viele Spieler haben bereits einige Meistertitel errungen. Das andere hat mit Drecksarbeit zu tun. Für mich ist es schwer zu verdauen, wenn diese nicht konsequent und richtig ausgeführt wird.

Sowohl im Vorbereitungsturnier in Kasachstan als auch in den Champions-League-Gruppenspielen kassierte der HCD sehr viele Gegentreffer in Unterzahl. Wie wollen Sie das ändern.

Das haben wir noch jedes Jahr geschafft. Es wird auch diesmal wieder besser werden. Wir nahmen viele dumme Strafen. Ich gab meinen Spielern den Auftrag, ja nicht in 3- gegen 5-Situationen zu kommen. Gleichwohl kassierten wir in Unterzahlphasen weitere Strafen.

Vor einem Jahr verpflichteten Sie mit Daniel Rahimi ganz gezielt einen defensiven ausländischen Verteidiger. Jetzt haben Sie mit Magnus Nygren einen viel offensiver ausgerichteten Abwehrspieler engagiert. Was erwarten Sie von diesem Wechsel?

Ein Verteidiger muss in erster Linie Eins gegen Eins spielen, er muss verhindern, dass ein Gegner vor unser Tor gelangt, den Puck und den Gegner von unserem Goal weghalten und bei der Angriffsauslösung einen ersten schnellen Pass spielen. Daniel Rahimi kann das sehr gut; leider konnte er wegen seiner Verletzungen bei uns seine Qualitäten nie richtig zeigen. Ich hoffe, dass bei unseren Verteidigern dennoch etwas geblieben ist. Mit Magnus Nygren haben wir jetzt einen „Vielkönner“ engagiert. Er war bei Färjestad ein Leader. Von ihm erwarte ich Stabilität in der Defensive und Kreativität in der Angriffsauslösung. Im Powerplay muss er ein Organisator an der blauen Linie sein.

Und was erwarten Sie vom neuen US-Stürmer Broc Little?

Jene Tore, welche wir letzte Saison nicht schossen. Wir wollten einen Goalgetter. Denn letzte Saison verloren wir oft Spiele, weil die Chancenauswertung schlecht war.

Wie gedenken Sie Ihre beiden jungen Torhüter Gilles Senn und Joren van Pottelberghe einsetzen.

Ich werde auf der Torhüterposition abwechseln. Statistiken belegen, dass jeder Torhüter – inklusive Leonardo Genoni – am zweiten Abend schlechter spielt als am ersten, wenn er innert 24 Stunden zwei Partien absolviert.

In der Abwehr stehen Spieler wie Claude-Curdin Paschoud, Fabian Heldner, Simon Kindschi oder Sven Jung vor einem Rollenwechsel: vom Lehrling zum Leistungsträger…

Eben nicht. Sie sollen weiterhin einfach ihren Part spielen und sich noch verbessern. Es wäre falsch, wenn sie glaubten, sie müssten jetzt mehr mit dem Puck machen als bisher.

Was trauen Sie Ihrer Mannschaft in der kommenden Meisterschaft zu?

Wenn ich betrachte, was wir in letzter Zeit in den Champions-League-Gruppenspielen gemacht haben, bin ich froh, wenn wir die Playoffs erreichen. Wir haben noch immer eine junge Mannschaft und müssen gar nicht von etwas Anderem reden. Falls wir aber alles richtig machen, können wir vielleicht etwas mehr erreichen.

Wer sind für Sie die Meisterschaftsfavoriten?

Bern, Zürich und Lugano stellen mit Abstand die stärksten Mannschaften. Weiter werden Lausanne und Zug stark sein. Diese fünf Klubs erwarte ich ganz klar vorneweg. Die anderen sieben Teams werden die restlichen drei Playoff-Plätze ausmachen. Ich kenne die einzelnen Mannschaften zu wenig, um präziser auf sie einzugehen.

Ich weiss, dass Sie persönliche Fragen nicht mögen. Gleichwohl: Was hätten Sie 1996 geantwortet, wenn ihnen jemand gesagt hätte, sie würden in der Saison 2017/18 noch immer Trainer des HCD sein?

Wenn man das Gesamtbild betrachtet, sollte man den Abgang nicht verpassen. Den habe ich beim HCD aber schon lange verpasst. Eigentlich bräuchte ich selber, aber auch der HCD neues Blut. Das Problem war, dass ich in Davos jeweils die ganze Mannschaft zusammenstellte. Selbst mit einem jungen Team sind wir 2015 wieder Meister geworden, und 2015/16 zeigten wir eine sackstarke Champions League. Auch letzte Saison spielten wir, wie schon gesagt, eine recht gute Meisterschaft. Irgendwann wird „das Jahr zu viel“ kommen. Wann das sein wird, kann niemand sagen.

Auffallend ist, dass Sie noch immer vor Energie sprühen.

Das erachte ich als normal und wird auch so bleiben. Falls das nicht mehr der Fall ist, höre ich auf. Mich macht es kaputt, wenn ich sehe, dass wir nicht mehr vorwärts kommen. Bis vor drei, vier Jahren glaubte ich noch, ich könnte tausend Sachen ändern. Dabei ist ja klar, dass sich das Eishockey allein in den letzten sieben Jahren enorm verändert hat. Es ist noch viel schneller, viel intensiver und die Spieler in der Regel grösser geworden. Und ich könnte noch viel mehr aufzählen.

Niemand verliert im Spitzensport gerne. Wie verarbeiten Sie persönlich Niederlagen?

Dann bin ich nach wie vor stinksauer, mache aber irgendetwas, damit es wieder besser wird. Heutzutage kann ich besser abschalten. Früher machte ich mich kaputt, richtig kaputt. Heute mache ich mich noch immer kaputt, aber nicht mehr so stark.

Sie streben nach dem möglichst perfekten Eishockey…

…So soll es auch sein. Als Trainer kann man gar kein anderes Ziel haben.

Was stellen Sie sich unter dem perfekten Eishockey konkret vor?

Ich möchte gerne einmal sehen, wie eine Mannschaft kompakt zusammenspielt, jede Entscheidung zusammen trifft, die Passqualität viel höher und die Passabgabe und -annahme präziser wird, der Druck aufs Goal und der Wille, Tore zu schiessen, unbeugsam sind, ein sackstarkes Powerplay und Boxplay und dass wir läuferisch noch besser werden. Ich will viel mehr Fluss im Spiel haben; das Abgehackte hasse ich. Schön wäre auch eine Angriffsauslösung mit einer zweiten und dritten Welle. Ich wünsche mir Tempowechsel, dass alle fünf Spieler eines Blocks stets in Bewegung sind und sie zusammen richtige Entscheidungen treffen – und so weiter und so weiter und so weiter…

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