Zu Besuch im spezifischen Torhütertraining

HCD-Torhütertrainer Marcel Kull gilt als Meister seines Fachs. Verschiedene Talente hat er an die Spitze und bis in die NHL geführt. Die „Davoser Zeitung“ durfte den Appenzeller bei seiner Arbeit mit seinen Schützlingen einen Abend lang begleiten.

Marcel Kull gilt nicht von ungefähr als exzellenter Torhütertrainer. Er machte Jonas Hiller, Reto Berra und Leonardo Genoni zu Meistergoalies beim HCD. Hiller und Berra (via Umweg EHC Biel) schafften danach den Sprung in die National Hockey League (NHL). Genoni führte nach seinem Wechsel letzte Saison auch den Bern zum Titel und danach die Schweiz an der Weltmeisterschaft in die Viertelfinals. Nach Genonis Abgang setzte der HCD im letzten Sommer mit Gilles Senn und Joren van Pottelberghe auf ein zwar talentiertes, aber noch blutjunges Goalie-Duo. Die mutige Rechnung ging auf. Davos scheiterte erst im Playoff-Halbfinal am EV Zug. Und Senns Auftritte fanden ihren Niederschlag, indem er kürzlich im letzten NHL-Draft von den New Jersey Devils gezogen wurde.

Die HCD-Goalie-Familie

Ein- bis zweimal pro Woche hat Kull die HCD-Torhüter im Juni zu speziellen Sommer-Einheiten gebeten. Mit dabei sind nicht nur die beiden NLA-Goalies Gilles Senn und Joren van Pottelberghe, sondern auch jene des Junioren-Elite-A-Teams und der Elite Novizen sowie als Gäste die früheren HCD-Keeper Janick Schwendener (Thurgau) und Marco Mathis (Langenthal). In der Kabine schwört Kull seine Schützlinge an diesem Dienstag mit wenigen, aber präzisen Worten auf den Trainingsblock ein. Er nennt die Ziele. Der gestochene Blick in seinen Augen widerspiegelt den Focus und die Zielstrebigkeit, die er auch von seinen Torhütern fordert.

Gymnastik mit Tennisbällen

Um 17.15 Uhr beginnt der erste, 45-minütige Teil in der Wandelhalle im ersten Stock der Vaillant Arena. Kull nennt ihn Gymnastik. Zwei Goalies bilden jeweils ein Paar. Sie wechseln sich an einem der sieben Posten ab. Senn trainiert heute gemeinsam mit Florian Haller, einem erst 15-jährigen Talent aus dem Unterengadin. Geschicklichkeit und Körperbeherrschung sind gefordert. Bei vielen Übungen ist der Tennisball im Spiel. So gilt es etwa, Tennisbälle zu jonglieren – allerdings auf wackliger Unterlage; das Brett für die Füsse befindet sich nicht am Boden, sondern auf einer Rolle. An einem Ort bombardiert Andy Egli die Torhüter mit meiner Tennisball-Maschine. Und ihr Distanzgefühl üben die Goalies, indem sie mit geschlossenen Augen auf einen in ein paar Meter entfernt platzierten Filzball zulaufen und diesen zu greifen versuchen.

Hohe Belastung auf dem Eis

Fürs folgende, eineinhalbstündige Eistraining, das wegen Bauarbeiten auf der offenen Kunseisbahn stattfindet, gesellen sich zu den Torhütern zahlreiche HCD-Feldspieler, unter ihnen Marc Aeschlimann, Fabian Heldner, Simon Kindschi und Nando Eggenberger. Unter den Augen von Kull und seinen Helfern wird auch auf dem Eis akribisch gearbeitet. Um Zeit zu sparen und Effizienz zu gewinnen, hat Kull die einzelnen Übungen zuvor auf einer Tafel erklärt. Stellungsspiel, Abpraller, Körperhaltung, „den Puck fressen“ sind Stichworte. Jeder Torhüter trägt eine Pulsuhr. Die Pulsfrequenzen werden auf einem Bildschirm am Spielfeldrang ständig aufgezeichnet. Rund 160 Schläge pro Minute bilden keine Ausnahme. Die körperliche und mentale Belastung ist hoch. Den Goalies fliesst der Schweiss förmlich über die Stirn.

Mittendrin beobachtet und korrigiert Kull. „Du musst mehr Spass und Freude haben, das ist dein Puck“, sagt er zum einen. „Fehler darf man machen, aber nicht drei Mal den gleichen“, zu einem anderen. Kull fordert „mehr Leidenschaft und Dynamik.“ Seine Kritik ist offen und direkt. „Du nimmst die einfachste Scheibe nicht an, du bist im Chaos, du bist nicht bereit“, wirft er einem vor. „Wie ein Frosch“, beschreibt er das Stellungsspiel eines anderen. Auch Playoff-Goalie Senn bekommt sein Fett ab. „Herr Senn, sind Sie an der Costa Brava in den Ferien“, fragt Kull – allerdings mit einem Lächeln.

45 Minuten intensive „Momente“

Um 20.15 Uhr beendet Kull das Eistraining. Schluss ist allerdings noch nicht. Nach einer Pause in der Kabine begeben sich die Keeper erneut auf den ersten Stock in der Vaillant Arena. Jetzt folgen während 45 Minuten „Momente“ – Partnerübungen an sieben Stationen, teilweise mit leichten Gewichten, aber auch Fahren auf dem Einrad. Kull verlangt nach wie vor höchste Konzentration und totalen Einsatz.

Grillieren vor dem Stadion

Als Belohnung für das vierstündige Training folgt nach dem Duschen wie gewohnt das gemeinsame Essen vor der Vaillant Arena mit Fleisch vom Grill, das Marcel Kulls Sohn Stefan zubereitet, und einem Salatbuffet. Der bewährte Torhütertrainer legt grossen Wert auf die Gruppendynamik. Zum Abschluss versammelt Kull seine Goalies nochmals in der Kabine. „Es war nicht schlecht, aber noch zu wenig gut“, lautet sein Tagesfazit. Punkt 22.25 Uhr verabschiedet Kull seine Torhüter, „damit auch jener mit der weitesten Anreise spätestens um Mitternacht daheim ist.“ Zu Hause angekommen, kann jeder Goalie am Computer vor dem Einschlafen bereits Sequenzen vom Eistraining abrufen und analysieren, die Egli für jeden individuell zusammengeschnitten hat.

Apropos Geheimnisse: Solche gibt es in Kulls erfolgreicher Tätigkeit mit seinen Torhütern nicht. Es sind kontinuierliche, harte, vielseitige Arbeit mit konsequenter, geradezu pedantischer Pflege der Details und eine offene, direkte, schonungslose Kommunikation, gleichwohl aber auch ein sehr grosses gegenseitiges Vertrauen, mit dem Kull seine Schützlinge fordert und fördert.

Kommentare